Still, still, still …

Heute morgen. Kurz vor 6.00 Uhr.
Ich sitze bei einer Tasse Kaffee auf der Terrasse.

Mein Mann neben mir. Er hat Urlaub.

Eigentlich sollte um diese Zeit außer Vogelgezwitscher noch nicht viel zu hören sein. Allerdings rascheln die Piepmätze aufgeregt in der vor uns stehenden Akazie. Kleine gelbe Blätter schweben in Richtung Boden. Ein Zeichen der langanhaltenden Trockenheit.

Es ist absolut windstill.

Ich höre ein leises Pfeifen. Ein dünner hoher Ton. Versuche zu orten, woher das Pfeifen kommt. Frage meinen Mann: “Ist Deine Nase noch immer nicht frei, weil sie so pfeift?”

Er: “Da pfeift nichts. Mein Schnupfen ist längst vorbei. Was Du schon wieder hörst.”

Und pfeift weiter aus dem einen Nasenloch.

Von der Ferne höre ich Autos. Die Autobahn. Je nach Windrichtung werden leise monotone Autofahrgeräusche herangetragen.

Irgendwo in der Nachbarschaft schreit ein Baby. Vermutlich der kleine Jonathan. Die beruhigenden Worte der Mutter scheinen zu wirken.

Ist es jetzt ganz still? Nein. Ein Rolladen wird hochgezogen. Und noch einer. Der zweite hakt… wird mehrmals gerüttelt, bis er schließlich ganz oben ist.

Ich höre Geschirr klappern. Frühstückt noch jemand auf der Terrasse? Ja. Ich nehme das Geräusch wahr, wie jemand mit einem Löffel in der Tasse herumrührt.

Irgendwo schlägt ein Wecker Alarm. Ein heller Piepston. Der kontinuierlich an Aggressivität zunimmt. Der Besitzer scheint tief zu schlummern und nichts mitzubekommen. Oder doch. Das aggressive Piepsen geht zuende.

Mein Mann nimmt einen Schluck Kaffee. Ich höre, wie er schluckt. Noch ein Schluck. Er räuspert sich.

Schritte. Eine Frau. Mit Sommerschuhen. Ein Absatz klingt etwas heller. Fast hohl. Sie hat einen flotten Schritt drauf. Ist vielleicht spät dran.

Schlüssel klappern. Jemand sperrt einen Briefkasten auf. Holt die Zeitung heraus. Eigentlich hat jeder Anwohner ein Zeitungsfach. Da jedoch immer mehr Zeitungen gestohlen werden, wirft sie der Zeitungsausträger nun in den Briefkasten. Eine Haustür fällt ins Schloss.

Endlich kommt sie. Meine Lieblingsamsel. Jeden Morgen badet sie ausgiebig in der Vogeltränke. Auch mein Mann sieht fasziniert zu. Wie sie mit ihren Flügeln immer wieder ins kühle Nass schlägt. Die Wassertropfen spritzen fast bis zu uns. Jetzt sitzt sie auf dem Rand der Tränke und putzt sich. Feder für Feder. Ich höre, wie sie jede einzelne Feder durch den Schnabel zieht. Sie hat keine Scheu vor uns. Im Gegenteil. Wenn ich vergesse, das Vogelbad aufzufüllen, schimpft sie lautstark. Ein Geräusch im Gebüsch lässt sie hochschrecken und im nassen Zustand davonfliegen. Ein schwerfälliger Ton, so ein nasser fliegender Vogel.

Das Knacken im Gebüsch bleibt. Entweder wirklich eine der Nachbarskatzen oder unser randallierender Igel ist auch wach. Über ihn hab ich vor kurzem gebloggt.😉

Ich genieße die kühle Morgenluft. Hänge meinem Gedanken nach. Verarbeite ein Geräusch nach dem anderen. Schreibe meine Eindrücke mit dem Handy auf.

Da höre ich die Stimme meines Mannes: “Ist das nicht eine herrliche Stille? Aber Du bekommst es nicht mit, bist ja nur mit dem Handy beschäftigt.”

Stille empfindet jeder anders.

3 Kommentare zu “Still, still, still …

  1. Was für ein wunderbarer Text!

  2. Karin Zimmermann

    Dankeschön. Über dieses Kompliment freue ich mich sehr!

  3. Hammer-Mami

    Wunderschöne Geschichte.
    Regt zum Nachdenken an
    Es kommt wirklich auf die Sichtweise an.

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